Die drei Welten des Medienkapitalismus

2010-02-06

Im vorherigen Beitrag von mir zum Thema Kritiker und Erfolgreiche habe ich vieles vergessen, anderes falsch gesehen und mich vielleicht ja auch nur grundlegend getäuscht. Ich will mich eines Besseren belehren lassen. Ja, Batz, du hast recht, Avatar ist ein grottenschlechter Film, und wohl nur deswegen auch so unheimlich erfolgreich geworden.

Wer jetzt glaubt, der letzte Satz da oben stinkt gewaltig … nun ja, ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Ich versuche mich einmal an einer anderen Aufdröselung des Schlamassels zwischen den verschiedenen Fronten. Dabei kam mir der Gedanke, dass es sich hier um drei verschiedene Welten handelt:

  • Die Welt der Filmemacher und Gelddrucker
  • Die Welt der Kritiker und der einzigen Wahrheit auf Erden
  • Die Welt der Fanboys und Sektierer der heiligen Ignoranz

Die Welt der Filmemacher und Gelddrucker

Diese bescheidene Welt ist leicht zu umreißen und eigentlich auch gar nicht der Hauptgegenstand der Betrachtung hier. Wobei der Filmemacher einen entscheidenden Beitrag leistet: er spaltet die beiden anderen Welten in zwei unvereinbare Lager. Es herrscht Krieg zwischen Kritiker und Fanboys. Dabei hat der Filmemacher doch echt nur eines im Sinn, Menschen unterhalten und Geld damit zu verdienen. Grundsätzlich nix verkehrt daran, denn wir leben ja in einer kapitalistischen Gesellschaft.

Ob alles Kunst und Kultur ist, was der Filmemacher so von sich absondert, sei hier an dieser Stelle mal vollkommen außen vor. Über die Qualität eines Werkes entscheidet er nämlich überhaupt nicht. Genau das ist die Aufgabe des bitterbösen Krieges zwischen den zwei anderen Welten.

Was der Filmemacher und Gelddrucker so macht, ist eigentlich nur mal von Zeit zu Zeit etwas Öl ins Feuer zu kippen, und zwar in Form von Fortsetzungen, Merchandising und imposanter und einlullender Werbung, die unter anderem Ausmaße einer Bekehrung oder gar Exorzismus hat. Ansonsten darf sich der Bewohner dieser Welt zurücklehnen, Oscars kassieren und Popcorn knabbernd sich den Movie-about-the-Movie anschauen.

Die Welt der Kritiker und der einzigen Wahrheit auf Erden

Ich weiß, dieser Titel trieft schon so vor Polemik, aber da nehme ich mir nichts heraus, was der gemeine Kritiker schon vor mir getan hat. Ich glaube, Polemik gehört zum Handwerk dazu, in der webzwonulligen Zeit weicht das Stilmittel aber auch schon dem Bashing, weil man so als Kritiker durchaus genauso viel Aufmerksamkeit erzeugen kann wie mit dem Kritikgegestand an sich.

Aber gehen wir nochmal zurück in der Geschichte und schauen uns an, was eine Kritik sein soll.1

Die allwissende Müllhalde sagt dazu unter anderem:

Umgangssprachlich beinhaltet der Begriff zumeist das Aufzeigen eines Fehlers oder Missstandes, verbunden mit der impliziten Aufforderung, diesen abzustellen.

Die philosophische sowie Quellenkritik bleiben hier außen vor, wobei die Frage nach der Vernunft gar nicht mal so verkehrt wäre.

Wie kann man aber nun bei einem abgedrehten und veröffentlichten Film eine implizite Aufforderung stellen, dass festgestellte Mängel beseitigt werden sollen? Möge Herr Cameron nun einen Avatar 1.1 Bugfix-Release herausbringen, damit auch der letzte Kritiker keine Fehler mehr feststellen kann? Oder wie ist das zu verstehen? Schön auch, dass hier “implizit” steht, eine explizite Aufforderung würde der Filmemacher wohl scheinbar auch eher als direkten Angriff verstehen. Wenigstens wird hier also die Verpackungsform quasi vorgeschrieben.

Gehen wir einfach einmal weiter, es folgt die allgemeine Kritik und ihre möglichen Ausprägungen:

abolitionistisch, positiv, negativ, konstruktiv, destruktiv und Selbstkritik.

Die letzte Form können wir bei Filmkritiken wohl außen vor lassen, denn ich glaube wohl kaum, dass es hier Sinn macht. Eventuell gibt es ja einen geistreichen Kritiker, der im Nachhinein feststellt, dass er/sie einen Fehler gemacht hat und dieses dann darlegt. Vorgekommen ist sowas aber wohl noch nie.

Positive Kritiken sind meist Lobeshymnen, negative können als Tadel verstanden werden. Das Lob kommt gerne dann vor, wenn wir es mit einem Pseudokritiker zu tun haben, der eigentlich nur Undercover aus der dritten Welt (Fanboys) unterwegs ist und die Sezierergilde unterwandern will. Oder er arbeitet in Axels Pommesbude mit dem renommierten Comicblatt des Tagesgeschehens, alternative Klopapier-Verlage könnt ihr euch dazudenken.

Negativkritiken sind eigentlich viel zu harmlos für den Schnitter der Filmbranche, lassen wir das also bleiben.

Konstruktiv und destruktiv sind ein tolles Paar, aber auch hier neigt der übellaunige Freudvernichter eher dazu, alles zu zerstören statt nutzbringend beizutragen. Aber halt, ich vergaß ja, dass wir bei einem fertigen Film ja auch nichts mehr verbessern können, also bleibt ja nur das Werfen mit rosaroten Wattebällchen.

Abolitionistische Kritiken klingen da schon wie des Weisheits letzter Schuss, denn diese haben ein hehres Ziel mit missionarischem Charakter. Abolitionistisch bedeutet soviel wie “eine Kritik, die eine Abschaffung oder ein Abwenden von einem Gegenstand oder einer Praxis fordert”. Und eine Praxis kann man beim Filmemachen gerne kritisieren, nur werden die Kritiken selten für den Filmemacher sondern vielmehr für die Konsumenten geschrieben. Also haben wir hier ein Problem, denn der Empfänger ist ja eindeutig die falsche Person. Natürlich kann die Intention sein, dass der Kinobesucher zum Beispiel durch ein Boykott des aktuellen Filmes zeigen soll, wie unvernünftig das alles war und man möge es doch beim nächsten Film besser machen. Wie löblich wäre dieses Ziel, würde es erreicht!

Jetzt taucht aber in aller Regel ein anderes Problem auf: die Sprache. Nicht, dass der Kritiker irgendwie Chinesisch rückwärts spricht und schreibt. Nein, es ist der Stil, der zumindest mich in letzter Zeit immer häufiger stört.

Daher formuliere ich einfach eine weitere Art der Kritik: die Vulgärkritik, im Volksmund vielleicht eher bekannt unter Bashing oder Rants.2

Das Interessante an der Vulgärkritik ist, dass sich hier durchaus eine wertvolle Kritik verstecken kann, aber diese in Form und Stil derart verzerrt ist, dass der Rezipient diese so nicht erkennen kann (und meist auch nicht will, da der Fanboy andere Motivationen hat, wie wir später noch sehen werden). Im Vordergrund steht aber immer wieder die bewusste Provokation und die Herausforderung.

Manch ein Kritiker muss sogar masochistisch veranlagt sein, denn die Reaktionen auf sein heiliges Gut sind meist bitterböse und voller Verwünschungen für den Schreiber.

Eigentlich ist hiermit die Welt der Kritiker gut umrissen. Trotz der vulgären Art und Weise wissen wir, dass sie es doch gut mit uns meinen, denn irgendwer muss uns doch die Augen öffnen und die Wahrheit zeigen. Die Vernunft wird schon siegen …

Die Welt der Fanboys und Sektierer der heiligen Ignoranz

Wie langweilig wäre unsere Erde ohne diese Gattung Mensch? Dröge und öde, wir hätten nichts zu lachen, niemanden zum Verspotten und müssten uns gar mit unseren eigenen kleinen Problemen beschäftigen.

Eigentlich sind wir Fanboys aber nur zu bemitleiden. Ich sage wir, weil ich als Linux/Ubuntu-Liebhaber, Android-Bevorzuger und iPhone-HasserNeider wohl oder übel auch dazu gehöre. Auch die fabelhafte Trilogie Herr der Ringe empfinde ich als mitunter bestes Werk des vergangenen Jahrhunderts, und auch andere, mir gefallende Filme können mich zumindest über mehrere Wochen oder Monate hinweg zum Fan machen.

Und dafür schäme ich mich nicht!

Ich will dafür auch kein Mitleid oder Spott. Ich wünsche mir nur Toleranz für meine Ignoranz, wenn ich beispielsweise einen Film gut finde trotz der offensichtlichen Mängel in Inhalt und Form und Ausführung.

Auch bin ich nicht der geborene Kritiker. Eine Deutschlehrerin bescheinigte mir Polemik in meinen Aufsätzen, sodass ich mir dachte, dass wäre für wertvolle Kritiken unangebracht. Dass ich so falsch lag, konnte ich leider vorher nicht wissen. Aber diesen Fehler haben schon viele vor mir gemacht; wer sonst hätte auch ahnen können, dass 640 Kilobyte Arbeitsspeicher in Rechnern vollkommen unterdimensioniert ist.

Ich bin aber auch eher die Sorte harmloser Fanboy. Es gibt ja auch die Hardcore-Sekten, die sich gleich blau anpinseln und eine unvollendete Kunstsprache erlernen. (Wenn ihr schon eine Kunstsprache erlernen wollt, dann nehmt doch wenigstens Esperanto, da hat wenigstens jemand mal Arbeit hineingesteckt. Oder sprecht in C++ oder Python oder Ruby oder SQL oder HTML …)

Die Vergöttlichung eines einzigen Filmes finde sogar ich als vollkommen übertrieben. Nur wenn man sonst schon keine Inhalte in seinem Leben hat, muss halt der Heiland der Filmindustrie herhalten.

Betet weiterhin zum Allvater des bewegten Bildes, preiset seine milden Gaben in 3D und empfanget das Merchandising! Film ab und Amen!

Ihr seht schon, der Fanboy ist nur ein kleiner, dummer Junge. Der will eigentlich nur spielen. Aber wie jeder Junge, muss er auch mal erwachsen werden und lernen, dass die Welt nicht nur rosarotblau ist. Mutierte Katzenschlumpfe sind auch keine guten Haustiere, auch wenn sie das Plug-and-Play mit USB am besten verkörpern. Strunzdoof sind sie zudem auch noch, da sie veraltete und wesentlich schlechtere Peripheriegeräte nutzen als die noch viel bekloppteren Minensöldner, die lieber alles kaputt machen. Ach Mist, das erinnert euch immer an die Zeit im Sandkasten und den bösen Nachbarsjungen, der die Sandburg jedesmal zertrampelt hat.

Übrigens gibt es auch Fangirls, nur diese schauen lieber die Twilight-Saga mit pubertär-melancholischen Mädchen und debil-wehleidigen Blutsauger-Vegetariern. Öko ist cool, alternative Ernährung knorke und ewiges Leben der schönste Traum. Hauptsache Johannes Schwarz kann seine Muskeln spielen lassen. Schmacht!

Nun habe ich aber genug über die Fanboys und -girls rumgelästert. Jetzt bin ich auch nicht mehr besser als der Homo Criticus vulgaris.

Fazit

Nun, ein echtes Fazit kann ich hier gar nicht herausstellen. Im Grunde ist jede der von mir oben beschriebenen Welten gleich gut und gleich schlecht wie jede andere.

Ob der sogenannte Krieg jemals beigelegt werden kann? Genauso sicher, wie man es immer anders machen will als die Eltern. Definitiv so sicher, wie man die Jugend von heute verstehen wird.

Persönliches

Lieber Batz, ich mag dich sehr und schätze dich. Ich bin ein Freund deiner Worte und Videos. Ich glaube dir auch gerne, dass du gute Kritiken schreiben kannst.

Aber wenn ein Film erscheint, reicht doch auch, nur einmal etwas dazu zu sagen. [1] [2] [3] [4] [5] [6] — 6 mal und sicher mehr ist einfach schon zu viel! Wir haben begriffen, dass du den Film nicht magst, wir haben es verstanden. Fühlst du dich von den vielen Lobhudeleien dermaßen angegriffen, dass du permanent zurückschießen musst? Wenn du dir das zur Aufgabe gemacht hast, wirst du damit noch weit über den Erfolg des Filmes hinaus beschäftigt sein. Ich hoffe doch, das ist nicht dein Lebensziel.

Auf jeden Fall würde ich mich über ein baldiges Treffen in natura mit dir freuen, nur dann keine Gespräche über Avatar


  1. siehe auch Wikipedia-Artikel Kritik 

  2. beides aus dem Englischen: to bash [] und to rant [